Worte zum Passionssonntag Lätare (von Pastorin Diana Wegener)

Vierter Sonntag der Passionszeit – Lätare
Inmitten der dunklen Themen der Passionszeit leuchtet ein Sonntagsname wie funkelnder Edelstein: Lätare - das heißt: Sich freuen!
Auf dem langen Weg mit Jesus durch Kreuz und Tod, sollen wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Denn der christliche Glaube ist nicht so griesgrämig, wie man manchmal meint. - Im Gegenteil.
Das Ziel des Christenlebens ist Freude in Fülle, und das auch schon jetzt, nicht erst nur nach dem Tod. Aber tiefe, alles umgreifende Freude ist nicht ohne den Tod zu haben. Die Erfahrungen von Leid und Schmerz wollen integriert sein in unserem Leben. Nur dann wird es ganz und heil und tiefgründig fröhlich.

 


Evangelium
Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten.
Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: »Herr, wir wollen Jesus sehen!«

Philippus ging zu Andreas und erzählte ihm von ihrem Anliegen. Dann gingen die beiden zu Jesus und berichteten es ihm.
Jesus antwortete ihnen: »Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in Gottes Herrlichkeit aufgenommen!

Amen, amen, das sage ich euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn.
Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.

(Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 20-24, Übersetzung Basisbibel)


Lieder
Korn, das in die Erde (Evangelisches Gesangbuch 98)
Jesu, meine Freude (Evangelisches Gesangbuch 396)


Predigt über Jesaja 66,10-14
Freut euch – eine seltsame Aufforderung mitten in der Passionszeit.
Freut euch – eine seltsame Aufforderung in Zeiten des Corona-Virus und all den Folgen, die seine rasend schnelle Verbreitung für unseren Alltag hat.
Schulen geschlossen, sämtliche öffentliche Gebäude geschlossen, Gottesdienste gestrichen, Risikogruppen definiert, Verwaltungsmaßnahmen getroffen – von allem am Schlimmsten finde ich, was unter dem Stichwort «social distancing» gefordert wird. Eine Maßnahme, die die Verbreitung des Virus stoppen oder zumindest verlangsamen soll. Damit will man verhindern, dass das Gesundheitswesen unter einer zu großen Anzahl von Corona-Patienten zusammenbricht.
Social distancing – trostlos ist das. Und etwas, was die Kirche in der Mitte trifft. Was sollen wir noch, wenn man uns Gottes Menschenfreundlichkeit nicht mehr leiblich werden lässt? Wozu sind wir denn noch nütze, wenn wir nicht mehr Besuche machen dürfen im Altersheim und im Krankenhaus? Wenn wir nicht mehr einladen dürfen zu heiteren und besinnlichen Nachmittagen für ältere Menschen? Wenn wir keinen Gottesdienst mehr feiern dürfen, nicht mehr zusammenbleiben dürfen nach dem Gottesdienst beim Kirchenkaffee?
Freut euch – gerade heute kommt uns dieser Zuruf fremd vor, aber es ist der Anfang unseres Predigtwortes aus dem Propheten Jesaja:
Freut euch! Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!
Auch alle, die ihr über sie traurig gewesen seid, freuet euch mit ihr! Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
Ihr werdet ́s ja sehen und euer Herz wird sich freuen.
Jesaja 66,10-14
„Ihr werdet’s ja sehen!“ Den Ausruf kann man unterschiedlich verstehen.
Man kann ihn deutlich als Mahnung verstehen, fast als Drohung. Mit erhobenem Zeigefinger, belehrend und voraussehend: „Und dann, wenn ihr dann an mich denkt, dann wird es euch leidtun!“
Aber hier ist es anders gemeint. Mutter Gott erinnert ihre Kinder. Eine Mahnung wohl –aber doch tröstlich und ermutigend. „Ihr werdet ́s ja sehen und euer Herz wird sich freuen!“
Dabei hatte Gottes erwähltes Volk zu jener Zeit Freude lange vermissen müssen. Es wird ihnen nicht leichtgefallen sein, jetzt dieser Vorhersage zu glauben. Sie hatten einfach zu viel durchgemacht. Hin- und hergetrieben von den immer mächtiger werdenden Nachbarstaaten. Als kleiner Staat hatten sie gegen die Großen eh keine Chance. Schließlich ins Exil verfrachtet, aus Jerusalem und ganz Judäa nach Babylonien, vor allem die Oberschicht. Stadt und Tempel wurden zerstört. Gottes Volk sollte ausbluten.
Gott sei es gedankt –kam dann zwar die Wendung: Rückkehr in die Heimat und damit neue Hoffnung für Jerusalem und den Tempel auf dem Zion. Gottes Kinder endlich wieder zuhause.
Aber einfach war das nicht. Die alte Heimat hatte sich verändert. Wie so viele Menschen, die nach einem Krieg aus Gefangenschaft nach Hause kommen, mussten sie feststellen, nichts ist mehr, wie es einmal war.
Und doch ist Gottes Stimme deutlich: Ihr werdet‘s ja sehen! Ihr werdet euch freuen. Ihr werdet es schon erleben, wie wieder neues Leben in alles kommt.
Müde Arme tragen wieder. Wankende Knie bergen Kinder auf dem Schoß und wippen heiter auf und ab. Aus alten Knochen sprießt junges Grün. Freut euch! Ihr werdet ́s ja sehen! Gott weiß Bescheid. Wie eine weise Mutter.
Und Menschen wie Jesaja schenken ihrer Vorhersehung Glauben. Ihr werdet ́s sehen und euer Herz wird sich freuen.
Und Gott –wie eine Mutter –schaut offen in die Runde; kennt dich, seit du geboren bist; wie alle ihre Kinder.
Sieht die Jahre, als die Kinder klein waren.
Staunt, was daraus geworden ist.
Sieht, wie sie aufwachsen, dann aber flügge werden und ihre eigenen Wege gehen.
Sieht, was sie zustande bringen und woran sie scheitern.
Sieht sie Fehler machen und darf sich nicht einmischen, denn das mögen sie gar nicht, die Kinder.
Sieht sie in ihren besten Jahren, voller Saft und Kraft und Tatendrang, wie sie Bäume ausreißen können.
Sieht, was sie alles leisten und in Angriff nehmen.
Sieht auch, wenn die Kräfte nachlassen; wenn sie grau werden; wenn alles auf einmal verwirrend wird, was früher leicht von der Hand ging.
Sieht dabei immer wieder auch, wie sie sich regelmäßig die Köpfe einhauen und sich selbst zerfleischen. Sie können es einfach nicht lassen. Immer wieder Streit und Konflikte, was für ein Elend. Wie oft sitzt sie dann da, Mutter Gott, und weint. Am meisten aber schmerzt es sie, wenn ihre Kinder sich von ihr abwenden, wenn sie sie einfach links liegen lassen. Und was sie dann alles Abstruses zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben, Kinder, Kinder!
So, stelle ich mir vor, geht Mutter Gottes Blick zu uns, auch wenn wir jetzt nicht zum Gottesdient beisammensitzen können. Mitten unter uns, Jesus, ihr Sohn, ganz die Mutter, ganz der Vater.
Und der Blick quillt über vor Liebe. Denn Gott wünscht sich nichts sehnlicher, als dass es allen gut geht und wir Frieden haben. Dass alle sicher und geborgen sein können. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Denn ich bleibe euch treu. Ich gebe euch Halt. Euer Herz wird sich freuen! Ihr werdet ́s ja sehen.“
Es tröstet die Erfahrung, dass trotz der körperlichen Distanz das Band der Liebe da ist, hindurchträgt und tröstet.
Darin besteht die Kraft dieses Jesaja-Wortes: Es verkündet die gute Nachricht, dass die Welt trotz aller Bedrohung und Gefährdung auch voller Trost ist: von Müttern und Vätern, von Freundinnen und Freunden, Familien und Nachbarschaften, aber auch im treuen Verkünden dieser Spur des tröstlichen Friedens, den Gott seiner Welt verspricht. Einer Liebe, die Distanz aushält. Social distant, nicht weil das unserem Wunsch entspricht oder unserer Berufung, sondern weil das anscheinend jetzt nötig ist. Dennoch vertrauend, beharrlich hoffend auf diese Zusage:
Und ihr werdet’s ja sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Knochen werden erstarken wie junges Grün.
Amen
Pastorin Diana Wegener


Gebet
Jesu, meine Freude.
Wir singen es.
Allein und mit schwacher Stimme -
und sind nicht allein.
Wir singen es.
Getrennt von unseren Freundinnen und Freunden -
und sind nicht allein.
Erbarme dich.


Jesu, meine Freude.
Wir singen es bangen Herzens,
in Sorge um die Kranken -
und sie sind nicht allein.
Wir singen es bangen Herzens,
in Trauer um geliebte Menschen –
und sind nicht allein.
Erbarme dich.


Jesu, meine Freude.
Wir singen es unter deinen Schirmen.
Wir singen es
und bitten um Schutz und Schirm für alle
die pflegen,
die forschen,
die retten.
Wir singen es
und bitten um Frieden
in unserem Land,
bei unseren Nachbarn
in Syrien.
Erbarme dich.


Jesu, meine Freude.
Allein und in dir verbunden singen wir.
Wir singen und loben dich.
Wir singen und beten mit unseren Freundinnen und Freunden.
Wir singen und hoffen für alle, um die wir Angst haben,
Dir vertrauen wir uns an,
heute, morgen und jeden neuen Tag.
Amen.